Der Brötchenclou
Wolfdietrich Schnurre
Anfangs ging es noch; aber als Vater dann auch wieder
arbeitslos wurde, da war es aus. Es gab Zank; Frieda sagte, Vater wäre zu
unbegabt, um Arbeit zu finden.
Vater sagte: "Ach bitte, sag das noch mal."
"Du bis zu unbegabt, um Arbeit zu finden", sagte
Frieda.
"Ich hoffe", sagte Vater, "du bist dir über
die Konsequenzen dieser Feststellung klar."
Dann nahm er mich bei der Hand, und wir gingen spazieren.
Zum Glück kam damals gerade ein Rummel in unsere Gegend. Er
war nicht sehr groß, aber es gab eine Menge auf ihm zu sehen. Mit dem Glücksrad
und solchem Kram hatten wir nicht viel im Sinn. Aber was uns sehr
interessierte, das waren die Schaubuden.
In einer trat eine weiß geschminkte Dame auf; wenn man der
eine Glühbirne in den Mund steckte, dann leuchtete sie. Ein Herr sagte einmal
während einer Vorstellung, das wäre Schwindel. Darauf stand Vater auf und
sagte, er sollte sich schämen.
Nachher kam die weiß geschminkte Dame zu uns und fragte
Vater, ob er Lust hätte, bei sämtlichen Vorstellungen anwesend zu sein und
etwaigen Störenfrieden dasselbe zu sagen wie eben; sie bot Vater eine Mark für
den Abend.
Wie Vater mir nachher sagte, hatte er Bedenken. Er wäre ein
Unterschied, sagte er, ob man sich spontan oder auf Bezahlung empörte. Aber
dann sagte er doch zu, denn ein Teller Erbsensuppe bei Aschinger (1) kostete
nur fünfzig Pfennig.
Die weiß geschminkte Dame war jedoch nicht die einzige
Attraktion, sie war bloß die Chefin.
Zugnummer war Emil, der Fakir aus Belutschistan. Er stand
barfuß auf einem Nagelbrett, er spuckte Feuer und hypnotisierte. Der Clou
seines Auftritts war die Brötchenwette: Emil versprach demjenigen zehn Mark,
der, wie er innerhalb von fünf Minuten, ohne was dazu zu trinken, sechs
trockene Brötchen vom Vortag verzehrte.
Erst dachten wir, Emil wäre verrückt. Aber dann stellte sich
heraus, es war eine Leistung, und zwar eine einmalige. Denn so groß auch der
Andrang jedesmal war, niemand kam über drei Brötchen; und an denen würgten die
meisten schon so sehr herum, dass wir immer fast von den Stühlen fielen vor
Lachen.
Auch Emil musste sich sehr anstrengen. Das heißt, es kann
auch sein, er verstellte sich nur, denn er war wirklich ein Künstler. Und nicht
nur das; auch ein Geschäftsmann: Alle mussten für das erste Brötchen zehn
Pfennig und für jedes weitere das Doppelte vom vorher verzehrten bezahlen.
Hätte Vater damals nicht gerade Geburtstag gehabt, ich hätte
bestimmt nicht daran gedacht, hier auch mal mein Heil zu versuchen. Doch ich
wollte Vater zum Geburtstag eine Ananas kaufen. Die Schwierigkeit war jetzt
bloß, regelmäßig Geld für Trainingsbrötchen zu kriegen.
Ich versuchte es, indem ich vor EPA (2) auf Fahrräder
aufpasste. Das ging ganz gut. Ich bekam zwar oft Streit mit denen, die schon
früher auf diese Idee gekommen waren; aber abends hatte ich doch immer so meine
fünfzehn, zwanzig Pfennig zusammen.
Ich hatte zwei Wochen Zeit. Ich trainierte zweimal täglich,
einmal morgens, einmal abends. Zum Glück hatte ich immer sehr großen Hunger, so
dass ich schon bald auf vier Brötchen in sechs Minuten kam. Dann sagte ich
Vater, ich hätte Bauchweh, und ließ abends die Erbsen weg, und da schaffte ich
sechs Brötchen in sieben Minuten.
Dann kam ich auf die Idee, vorher Maiblätter zu lutschen.
Das waren große, grüne, saure Bonbons, sie verhalfen einem zu unglaublich viel
Spucke. Jedenfalls schaffte ich die sechs Brötchen jetzt in sechs Minuten und
dreißig Sekunden; und drei Tage später hatte ich Emils Rekord sogar noch um
zwei Zehntelsekunden unterboten.
Ich war sehr froh; doch ich behielt es erst noch für mich;
es sollte ja eine Überraschung werden. Doch da ich, um besser in Form zu sein,
abends immer die Suppe stehen ließ, bekam ich dunkle Ringe um die Augen und
ganz löchrige Backen, und ausgerechnet, als nur noch zwei Tage Zeit waren,
sagte Vater, er sähe sich das nun nicht mehr länger mit an: und wenn ich
hundertmal Bauchweh hätte, ich müsste die Suppe jetzt essen.
Ich sträubte mich; ich sagte, ich ginge kaputt, wenn ich sie
äße.
Aber Vater bestand darauf, und was das Schlimmste war, er
hatte einen Kochtopf mitgebracht, in den ließ er sich seine Suppe jetzt
einfüllen, und am nächsten Morgen redete er mir so lange zu, bis ich mir ganz
schlecht vorkam und sie auslöffelte.
Es war furchtbar; ich war so satt wie noch nie. Ich ging
sofort raus und steckte den Finger in den Hals, und am Abend war ich dann auch
Gott sei Dank wieder ebenso hungrig wie immer.
Es war Sonnabend und ein guter Geschäftstag. Als Vater die
Menge im Zelt überblickte, nickte er anerkennend; er sagte, das wäre genau der
richtige Tag, die Chefin um eine Geburtstagsgratifikation anzugehen.
Geh du man an, dachte ich: Ich stellte mir schon Vaters
Gesicht vor, wenn Emil mir die zehn Mark in die Hand drückte. Sicher würde es
auch allerhand Beifall geben. Ich überlegte, ob ich mich dann verbeugen sollte;
lieber nicht, das sah immer so anbiedernd aus.
Ich lutschte andauernd Maiblätter; ich glaube, ich habe noch
nie so viel Spucke gehabt wie an dem Abend. Das Publikum war wunderbar; es ging
sogar bei Clorullupp, dem Fischmenschen, mit, und der war bestimmt so das
Langweiligste, was man sich nur vorstellen kann.
Dann kam Emil. Er trat auf das Nagelbrett, er spuckte Feuer
und hypnotisierte einen Hilfspolizisten; das Publikum raste.
Und dann folgte, von einem dumpfen Trommelwirbel begleitet,
der Brötchenclou. Emil war nicht sehr gut in Form; man sah, diesmal strengte es
ihn tatsächlich an. Aber dann hatte er es doch wieder geschafft, und in den
losprasselnden Beifall rein sagte er, so, und wer ihm das jetzt nachmachte, der
bekäme an der Kasse zehn deutsche Reichsmark ausbezahlt.
Es waren sehr viele Leute, die daraufhin nach vorn gingen.
Ich ließ sie erst alle ran und sich blamieren; dann schob ich mir ein Maiblatt
unter die Zunge und ging auch nach vorn.
Ich spürte deutlich den Blick von Vater im Nacken, ich
drehte mich aber nicht um; ich wusste, sah ich Vater erst an, war es aus. Doch
auch die Zuschauer schienen unruhig zu sein, sie glaubten wohl, ich wäre zu
klein, um die Brötchen zu schaffen.
Glaubt, was ihr wollt, dachte ich; wundern könnt ihr euch
immer noch.
Und dann war ich dran.
"Ach nee", sagte Emil, als er mich sah, und kniff
ein bisschen die Augen zusammen. Dann rief er laut: "Na, der junge Herr -:
auch mal sein Glück versuchen?"
"Ja", sagte ich.
Ich griff in die Brötchentüte. Ich sagte, er sollte die
Stoppuhr einstellen; Emil stellte sie ein.
"Los", sagte er; und im selben Moment fing hinter
dem Vorhang Clorullupp an, die Trommel zu rühren.
Ich hielt die Luft an und biss in ein Brötchen. Doch kaum
hatte ich den ersten Bissen im Mund, da glaubte ich, ich müsste mich übergeben,
so satt war ich auf einmal. Rasch biss ich noch mal was ab; doch es war wie
verhext, ich bekam den Bissen nicht runter, der Brötchenbrocken lag mir wie ein
Holzwollknäuel auf der Zunge. Obendrein rutschte mir auch noch das Maiblatt in
die Luftröhre, ich verschluckte mich und bekam einen Hustenanfall.
Erst dachte ich, mein Husten machte den Krach; aber dann
merkte ich, den Krach machten die Leute: Sie schrien vor Lachen.
Ich bekam eine wahnsinnige Wut; ich schrie, ich hätte Emils
Rekord neulich sogar unterboten; aber jetzt lachten sie nur noch mehr. Ich
heulte; ich schrie, an allem wäre bloß diese verdammte Erbsensuppe schuld, wenn
ich die nicht hätte essen müssen, dann hätten sie jetzt aber mal staunen
können.
Sie wollten sich totlachen darauf; sie schlugen sich auf die
Schenkel, sie klatschten und schrien wie die Wahnsinnigen.
Plötzlich erhob sich jemand im Zuschauerraum und kam langsam
nach vorn. Ich fuhr mir über die Augen, und da war es Vater.
Er war sehr bleich; er kam auf das Podium und hob die Hand.
"Einen Moment bitte", sagte er laut.
Gleich war das ganze Zelt still, und alle sahen zu ihm auf.
Vater räusperte sich. "Es stimmt, was dieser Junge hier
sagt", rief er dann, "ich war selbst mit dabei!"
Er hatte seinen Satz noch nicht mal zu Ende, da ging das
Gelächter schon wieder los, jetzt aber noch viel lauter als vorher; denn jetzt
lachten sie nicht nur über mich, jetzt lachten sie auch über Vater; ich hätte
ihr sonst was antun können, der Bande.
Vater versuchte noch ein paarmal, sich Gehör zu verschaffen;
doch der Krach war jedesmal so groß, dass kein Wort durchdrang. Da legte er mir
die Hand auf den Kopf, und als das Gelächter mal einen Augenblick nachließ,
schrie er: "Sie sollten sich schämen!"
Doch nun wurde das Geschrei und Gejohle wieder so laut, dass
man das Gefühl hatte, das Zelt stürzte ein. Ich sah Vater an; er schluckte; die
Hand auf meinem Kopf zitterte etwas. "Komm", sagte er heiser.
Er bezahlte Emil das Brötchen, dann gingen wir raus.
Es regnete. Die Wege zwischen den Buden waren leer; nur vor
dem Glücksrad standen ein paar Leute, denn da war ein Dach drüber.
Ich wollte was sagen, aber mir fiel nichts ein.
Gerade als ich noch so überlegte, fiel Licht auf den
Schotter, und die Chefin kam aufs Kassenpodest raus, sie war noch geschminkt.
Wir sollten ja machen, dass wir wegkämen, schrie sie; erst kaltlächelnd 'ne
Reichsmark kassieren, und hinterher noch's Geschäft schädigen woll'n! Wir wär'n
die Richtigen!
Ich sah Vater an; ich glaube, er hatte sie gar nicht gehört;
er guckte immer noch zu der Glühbirnengirlande vom Glücksrad rüber.
Dann schrie die Chefin, wir sollten man gar nicht so
scheinheilig tun, sie hätte uns schon eine ganze Weile beobachtet; und da
drehte Vater sich um.
"Schon gut", sagte er und nahm seinen Hut ab,
"und schönen Dank auch, es war eine sehr angenehme Beschäftigung.
Komm", sagte er, "mach auch einen Diener."
Darauf setzte er seinen Hut wieder auf, und dann gingen wir
am Glücksrad vorbei und rüber zum Ausgang.
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(1) Aschinger: volkstümliches Speiselokal in Berlin
(2) EPA: Kaufhaus
(Wolfdietrich Schnurre: Als Vaters Bart noch rot war, Verlag AG Die
Arche, Peter Schifferli, Zürich 1958
Franz
Kafka:
Der
Nachbar (entstanden 1917)
Mein
Geschäft ruht ganz auf meinen Schultern. Zwei Fräulein mit Schreibmaschine und
Geschäftsbüchern im Vorzimmer, mein Zimmer mit Schreibtisch, Kasse,
Beratungstisch, Klubsessel und Telefon, das ist mein ganzer Arbeitsapparat. So
einfach zu überblicken, so leicht zu führen. Ich war ganz jung, und die
Geschäfte rollen vor mir her. Ich klage nicht, ich klage nicht.
Seit
Neujahr hat ein junger Mann die kleine leerstehende Nebenwohnung, die ich ungeschickterweise
so lange zu mieten gezögert habe, frischweg gemietet. Auch ein Zimmer mit
Vorzimmer, außerdem aber noch eine Küche. Zimmer und Vorzimmer hätte ich wohl
brauchen können - meine zwei Fräulein fühlten sich schon manchmal überlastet -
aber wozu hätte mir die Küche gedient. Dieses kleinliche Bedenken war daran
schuld, daß ich mir die Wohnung habe wegnehmen lassen. Nun sitzt dort dieser
junge Mann. Harras heißt er. Was er dort eigentlich macht, weiß ich nicht. Auf
der Tür steht: „Harras Bureau“. Ich habe Erkundigungen eingezogen, man hat mir
mitgeteilt, es sei ein Geschäft ähnlich dem meinigen. Vor Kreditgewährung könne
man nicht geradezu warnen, denn es handle sich doch um einen jungen
aufstrebenden Mann, dessen Sache vielleicht Zukunft habe, doch könne man zum Kredit
nicht geradezu raten, denn gegenwärtig sei allem Anschein nach kein Vermögen vorhanden.
Die übliche Auskunft, die man gibt, wenn man nichts weiß.
Manchmal
treffe ich Harras auf der Treppe, er muß es immer ordentlich eilig haben, er
huscht förmlich an mir vorüber. Genau gesehen habe ich ihn noch gar nicht, den
Büroschlüssel hat er schon vorbereitet in der Hand. Im Augenblick hat er die
Tür geöffnet. Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten, und ich stehe
wieder vor der Tafel „Harras Bureau“, die ich schon viel öfter gelesen habe,
als sie es verdient.
Die
elend dünnen Wände, die den ehrlich tätigen Mann verraten, den Unehrlichen aber
decken. Mein Telefon ist an der Zimmerwand angebracht, die mich von meinem
Nachbarn trennt. Doch hebe ich das Bloß als besonders ironische Tatsache
hervor. Selbst wenn es an der entgegengesetzten Wand hinge, würde man in der
Nachbarwohnung alles hören. Ich habe mir abgewöhnt, der Namen der Kunden beim
Telefon zu nennen. Aber es gehört natürlich nicht viel Schlauheit dazu, aus
charakteristischen, aber unvermeidlichen Wendungen des Gesprächs die Namen zu
erraten. Manchmal umtanze ich, die Hörmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt,
auf den Fußspitzen den Apparat und kann es doch nicht verhüten, daß Geheimnisse
preisgegeben werden.
Natürlich
werden dadurch meine geschäftlichen Entscheidungen unsicher, meine Stimme
zittrig. Was macht Harras, während ich telefoniere? Wollte ich sehr übertreiben
- aber das muß man oft, um sich Klarheit zu verschaffen -, so könnte ich sagen:
Harras braucht kein Telefon, er benutzt meins, er hat ein Kanapee an die Wand
gerückt und horcht, ich dagegen muß, wenn geläutet wird, zum Telefon laufen,
die Wünsche der Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschlüsse fassen,
großangelegte Überredungen ausführen - vor allem aber während des Ganzen
unwillkürlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten.
Vielleicht
wartet er gar nicht das Ende des Gesprächs ab, sondern erhebt sich nach der Gesprächsstelle,
die ihn über den Fall genügend aufgeklärt hat, huscht nach seiner Gewohnheit
durch die Stadt und, ehe ich die Hörmuschel aufgehängt habe, ist er vielleicht
schon daran, mir entgegenzuarbeiten.
Text aus.
Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, hg. Von Paul Raabe, Frankfurt 1969, S. 300
f.
Elisabeth Langgässer: SAISONBEGINN
Die Arbeiter kamen mit ihrem Schild und einem hölzernen Pfosten, auf den es genagelt werden sollte, zu dem Eingang der Ortschaft, die hoch in den Bergen an der letzten Paßkehre lag. Es war ein heißer Spätfrühlingstag, die Schneegrenze hatte sich schon hinauf zu den Gletscherwänden gezogen. Überall standen die Wiesen wieder in Saft und Kraft; die Wucherblume verschwendete sich, der Löwenzahn strotzte und blähte sein Haupt über den milchigen Stengeln; Trollblumen, welche wie eingefettet mit gelber Sah- ne waren, platzten vor Glück, und in strahlenden Tümpeln kleinblütiger Enziane spiegelte sich ein Himmel von unwahrscheinlichem Blau. Auch die Häuser und Gasthöfe waren wie neu: ihre Fensterläden frisch angestrichen, die Schindeldächer gut ausgebessert, die Scherenzäune ergänzt. Ein Atemzug noch: dann würden die Fremden, die Sommergäste kommen - die Lehrerinnen, die mutigen Sachsen, die Kinderreichen, die Alpinisten, aber vor allem die Autobesitzer in ihren großen Wagen ... Röhr und Mercedes, Fiat und Opel, blitzend von Chrom und Glas. Das Geld würde anrollen. Alles war darauf vorbereitet. Ein Schild kam zum anderen, die Haarnadelkurve zu dem Totenkopf, Kilometerschilder und Schilder für Fußgänger: Zwei Minuten zum Café Alpenrose. An der Stelle, wo die Männer den Pfosten in die Erde einrammen wollten, stand ein Holzkreuz, über dem Kopf des Christus war auch ein Schild angebracht. Seine Inschrift war bis heute die gleiche, wie sie Pilatus entworfen hatte: I.N.R.I. (1) - die Enttäuschung darüber, daß es im Grund hätte heißen sollen: er BEHAUPTET nur, dieser König zu sein, hatte im Lauf der Jahrhunderte an Heftigkeit eingebüßt. Die beiden Männer, welche den Pfosten, das Schild und die große Schaufel, um den Pfosten in die Erde zu graben, auf ihren Schultern trugen, setzten alles unter dem Wegekreuz ab; der Dritte stellte den Werkzeugkasten, Hammer, Zange und Nägel daneben und spuckte ermunternd aus. Nun beratschlagten die drei Männer, an welcher Stelle die Inschrift des Schildes am besten zur Geltung käme; sie sollte für alle, welche das Dorf auf dem breiten Paßweg betraten, besser: befuhren, als Blickfang dienen und nicht zu verfehlen sein. Man kam al- so überein, das Schild kurz vor dem Wegekreuz anzubringen, gewissermaßen als Gruß, den die Ortschaft jedem Fremden entgegenschickte. Leider stellte sich aber heraus, daß der Pfosten dann in den Pflasterbelag einer Tankstelle hätte gesetzt werden müssen - eine Sache, die sich von selbst verbot, da die Wagen, besonders die größeren, dann am Wenden behindert waren. Die Männer schleppten also den Pfosten noch ein Stück weiter hinaus bis zu der Gemeindewiese und wollten schon mit der Arbeit beginnen, als ihnen auffiel, daß diese Stelle bereits zu weit von dem Ortsschild entfernt war, das den Namen angab und die Gemeinde, zu welcher der Flecken gehörte. Wenn also das Dorf den Vorzug dieses Schildes und seiner Inschrift für sich beanspruchen wollte, mußte das Schild wieder näherrücken - am besten gerade dem Kreuz gegenüber, so daß Wagen und Fußgänger zwischen beiden hätten passieren müssen. Dieser Vorschlag, von dem Mann mit den Nägeln und dem Hammer gemacht, fand Beifall. Die beiden anderen luden von neuem den Pfosten auf ihre Schultern und schleppten ihn vor das Kreuz. Nun sollte also das Schild mit der Inschrift zu dem Wegekreuz senkrecht stehen; doch zeigte es sich, daß die uralte Buche, welche gerade hier ihre Äste mit riesiger Spanne nach beiden Seiten wie eine Mantelmadonna ihren Umhang entfaltete, die Inschrift im Sommer verdeckt und ihr Schattenspiel deren Bedeutung verwischt, aber mindestens abgeschwächt hätte. Es blieb daher nur noch die andere Seite neben dem Herrenkreuz, und da die erste, die in das Pflaster der Tankstelle überging, gewissermaßen den Platz des Schächers zur Linken bezeichnet hätte, wurde jetzt der Platz zur Rechten gewählt und endgültig beibehalten. Zwei Männer hoben die Erde aus, der dritte nagelte rasch das Schild mit wuchtigen Schlägen auf; dann stellten sie den Pfosten gemeinsam in die Grube und rammten ihn rings von allen Seiten mit größeren Feldsteinen an. Ihre Tätigkeit blieb nicht unbeachtet. Schulkinder machten sich gegenseitig die Ehre streitig, dabei zu helfen, den Hammer, die Nägel hinzureichen und passende Steine zu suchen; auch einige Frauen blieben stehen, um die Inschrift genau zu studieren. Zwei Nonnen, welche die Blumenvase zu Füßen des Kreuzes aufs neue füllten, blickten einander unsicher an, bevor sie weitergingen. Bei den Männern, die von der Holzarbeit oder vom Acker kamen, war die Wirkung verschieden: einige lachten, andere schüttelten nur den Kopf, ohne etwas zu sagen; die Mehrzahl blieb davon unberührt und gab weder Beifall noch Ablehnung kund, sondern war gleichgültig, wie sich die Sache auch immer entwickeln würde. Im ganzen genommen konnten die Männer mit der Wirkung zufrieden sein. Der Pfosten, kerzengerade, trug das Schild mit der weithin sichtbaren Inschrift, die Nachmittagssonne glitt wie ein Finger über die zollgroßen Buchstaben hin und fuhr jeden einzelnen langsam nach, wie den Richtspruch auf einer Tafel ... Auch der sterbende Christus, dessen blasses, blutüberronnenes Haupt im Tod nach der rechten Seite geneigt war, schien sich mit letzter Kraft zu bemühen, die Inschrift aufzunehmen: man merkte, sie ging ihn gleichfalls an, welcher bisher von den Leuten als einer der Ihren betrachtet und wohl gelitten war. Unerbittlich und dauerhaft wie sein Leiden, würde sie ihm nun für lange Zeit schwarz auf weiß gegenüberstehen. Als die Männer den Kreuzigungsort verließen und ihr Handwerkszeug wieder zusammenpackten, blickten alle drei noch einmal befriedigt zu dem Schild mit der Inschrift auf. Sie lautete: "In diesem Kurort sind Juden unerwünscht." _____________________________
(1) lateinisch: Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum; Jesus von Nazareth, König der Juden
(Elisabeth Langgässer, Saisonbeginn, in: Elisabeth Langgässer, Der Torso, Claasen-Verlag, Hamburg 1947)
Günter Kunert: Ein Ausflug
Das Aussehen der Bäume veränderte sich: sie wurden kleiner und krüppliger, wirkten verrenkt und beschädigt, standen nicht mehr so dicht und hoch wie zu Beginn unserer Wanderung, auf der wir uns jetzt den Wolken näherten, zu denen sich der kalte Nebel verdichtete. Von den Stämmen und den von Bewuchs entblößten Felsen tropfte Nässe; von Zweigen und Ästen hingen triefende Fransen; die Sicht nahm ab, je weiter aufwärts es ging. Immer langsamer kamen wir voran, da Moos und Gestein glitschiger wurden und den Eindruck verursachten, von fließendem Gewässer stellenweise überspült zu sein, wie Küstenstreifen bei Flut.
Geräusche, oh ja, aber nicht zu deuten: gleichmäßige Schläge, Holzfäller oder ein dem Gebirge innewohnendes Geschehen, dunkle Rufe, von wem zu wem, wir ahnten es nicht und würden es nie erfahren. Tiere mögen in unserer Nähe gewesen sein, zumindest die erste Zeit, später gewiss nicht mehr, als die unkenntliche Umgebung unwirtlicher wurde und der Pfad aufhörte, und wir uns von Gewächs zu Gewächs vorwärts und aufwärts tasteten, bis die Vegetation gänzlich zurückblieb.
Eine Strecke grober Kies kam, wurde überwunden, dann sah man nicht mehr, wohin man die Sohlen setzte, sondern vertraute einfach dem Boden: musste es wohl oder übel. Wir verständigten uns in diesem dichten quirlenden Grau durch Zuruf, wobei es mir nach einer Weile vorkam, als hätte sich unsere Gruppe um einige Stimmen verringert. Es waren nur noch drei auszumachen, und als ich laut „Hallo! Hallo!“ schrie, erwiderten die anderen Stimmen mit Verzögerungseffekt: „Hallo ... Hallo!“ und ganz leise schon: „Hallooo...“ Ich schrie einen Namen, der im gleichen Rhythmus und Klang an mein Ohr zurückkehrte: die drei restlichen Stimmen entlarvten sich als ein mehrfaches Echo: ich war allein, wie lange bereits, konnte ich nicht einmal vermuten. Ich musste den Abstieg wagen, wandte mich um, spürte, dass etwas nicht in Ordnung sei, und fuhr mit den Händen auf dem Boden herum, wobei ich einen fauligen Ast erwischte. Wie mit einem Blindenstock tappte ich abwärts, wollte ich abwärts, stocherte aber sofort ins Leere. Hinkniend verlängerte ich so den Tentakel, stieß jedoch mit Stock und Arm auf keinen Widerstand: ein Abgrund von unbestimmter Tiefe musste sich da auftun, den ich im wattigen Gewoge unwissentlich bezwungen hatte. Ich konnte nur weiter aufwärts gehen und hinter dem Gipfel den Abstieg suchen.
Nach einiger Zeit, es waren bestimmt schon Stunden, entdeckte ich, dass ich direkt auf dem Grat wanderte, rechts und links von Abstürzen begleitet, die ich nur vermuten konnte, wenn mein Fuß ein Steinchen ins Rollen brachte, dessen Hinunterpoltern ich nachlauschte.
Dann: ein gelblackierter Kasten an einem Holzpfahl: „Für Wünsche und Beschwerden - Einwurf hier“ beschriftet. Nachdem ich alles notiert, Wegstrecke, Tageszeit und meine Absicht, weiter emporzusteigen, damit man, falls mir etwas zustieße, mich auch fände, warf ich den Zettel in den Kasten. Leider: der Boden fehlte, und das Notizblatt wurde gleich weggewirbelt. Das geschah derart unerwartet, dass ich minutenlang reglos dastand, in die Schwaden starrend, als könne das Papier einem Vogel gleich zurückgeflattert kommen, stumm und erbarmungswürdig als mein eignes, mir entflogenes Selbst. Sobald ich jedoch diesen Zustand überwunden hatte, stieg ich weiter voran, von neuer Hoffnung erfüllt: wo ein solcher Meldekasten hing, selbst wenn er ein wenig defekt war, mussten Menschen in der Nähe sein: irgendwer jedenfalls. Und irgendwer ist besser als nirgendwer, hat man einmal die Grenze überschritten ohne es zu merken, weil ihre Markierungen unter Wetterbedingungen ganz einfach ihre Gültigkeit verloren haben.
Text aus: Günter Kunert, Tagträume in Berlin und andernorts. Kleine Prosa. Erzählungen. Aufsätze, München 1972, S. 94-96
AUF DEM SEE Und frische Nahrung, neues Blut Saug' ich aus freier Welt; Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält! Die Welle wieget unsern Kahn im Rudertakt hinauf, Und Berge, wolkig himmelan, Begegnen unserm Lauf.
Gold'ne Träume, kommt ihr wieder? Weg, du Traum, so gold du bist: Hier auch Lieb' und Leben ist. Auf der Welle blinken Tausend schwebende Sterne, Weiche Nebel trinken Rings die türmende Ferne; Morgenwind umflügelt Die beschattete Bucht, Und im See bespiegelt Sich die reifende Frucht. - J. W. von Goethe, Werke. Band 1, S. 102 -
Aug', mein Aug, was sinkst du nieder?