


lm Jahr 1968 war die unmittelbare Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland zu Ende. Die Menschen hatten sich in ihrem Staat eingerichtet, manche lebten in Wohlstand, die Wirtschaft boomte. Für die Jungen war das eine Selbstverständlichkeit, sie begannen die kapitalistische Wirtschaftsform kritisch zu hinterfragen. Sie lehnten oft eine luxuriöse Lebensführung ab, kritisierten das Karrierestreben der Elterngeneration und fragten nach den eigenen geschichtlichen Wurzeln. Außerdem kritisierten sie die enge Bindung Westdeutschlands an die USA, die Verdrängung der deutschen Schuld aus der Zeit des Nationalsozialismus und die Restauration der Adenauer-Zeit. lm Umfeld der APO-Bewegung sammelten sich die meisten jungen, politisch denkenden Menschen, unter ihnen viele Schriftsteller.
Folgende literarische Strömungen lebten aus der Zeit vor 1968 fort oder entstanden nach 1968 neu: - Die sozialkritische Literatur: Die politische Opposition vieler Autoren zur ,,Großen Koalition" unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) brachte eine Vielzahl an gesellschaftskritischen Werken hervor, in denen der Zustand der Bundesrepublik Deutschland beschrieben wurde. Beispiele dafür sind: Max von der Grün (,,Stellenweise Glatteis", 1973), Heinrich Boll (,,Gruppenbild mit Dame”, 1971 und ,,Die verlorene Ehre der Katharina Blum", 1974). - Als neue Gattung entstand das so genannte ,,neue Volksstück”, das sozialkritische Themen behandelte. Beispiele: Martin Sperr (,,]agdszenen aus Niederbayern", 1967), Franz Xaver Kroetz (,,Stallerhof", 1972, ,,0ber6sterreich”, 1972 ,,Mensch Meier”, 1978). - Auch die Anfänge der ideologiekritischen Lyrik fallen in die Jahre nach 1968. Wichtige Autoren sind Franz Josef Degenhardt, Rolf Dieter Brinkmann und Erich Fried.
- Schon ab 1975 entstand mit der ,,Neuen Subjektivität” eine literarische Strömung, deren Anliegen nicht mehr primär die politische Wirkung war. Viele Autoren rückten das Individuum und seine subjektiven Erfahrungen in den Mittelpunkt ihrer Werke, der gesellschaftspolitische Bezug war dadurch meist immer noch gegeben. Beispiele: Peter Schneider (,,Lenz”, 1973), Karin Struck (,,K|assenliebe",1973), Botho Strauß (,,Die Widmung", 1978) und Max Frisch
(,,Der Mensch erscheint im Holozän”, 1979).
- lm Zusammenhang mit der ,,Neuen Subjektivität” erfuhren auch Formen des autobiografischen Schreibens eine Renaissance, da manche Schriftsteller ihren Standort bestimmen und das Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt ausloten wollten. Beispiele sind Gunter Grass (,,Aus dem Tagebuch einer Schnecke”, 1972), Max Frisch (,,Montauk", 1975) und Peter Härtling (,,Nachgetragene Liebe", 1986). '
- Mit der Emanzipationsbewegung der ,,68er" entstand eine neue Frauenliteratur. Zwei Themenbereiche lassen sich dabei erkennen: Zum einen die Suche nach der eigenen Identität, zum anderen die Kritik an den bestehenden autoritär- patriarchalischen Verhältnissen. Beispiele: Brigitte Schwaiger (,,Wie kommt das Salz ins Meer”, 1977) und Christa Reinig (,,Entmannung", 1976), Helga M. Novak (,,Die Eisheiligen", 1979), Luise Rinser (,,Den Wolf umarmen", 1981).
- Seit den 80er-Jahren findet man in Deutschland Romane, die der Postmoderne, einer amerikanischen Strömung seit 1968, verbunden sind. Die Autoren der Postmoderne zielen mit ihren Werken auf die mehrfachen Rezeptionsmöglichkeiten von Literatur. Mittel dazu sind die Aufhebung von realen Zeitmustern und Ortsvorstellungen, die Darstellung von Ungleichzeitigem, lntertextualität (also das Spiel mit der literarischen Tradition), Abkehr von einem vordergründigen Realismus sowie die Dekonstruktion des Subjekts. Beispiele: Max Frisch (,,Mein Name sei Ganten- bein",196li), Christa Wolf (,,Kassandra", 1983), Patrick Sijskind (,,Das Parfum", 1985), Christoph Ransmayr (,,Die letzte Welt" 1988) sowie Michael Köhlmeier (,,Telemach", 1995).
(aus: KLETT, LERNEN UND WISSEN, Stuttgart 2007)