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Kurt Marti: Meine Angst läßt grüßen
(1980 v)

 Meine Angst, wurde mir ausgerichtet, lasse grüßen, sie  erfreue sich bester Gesundheit. Ich hatte sie, aber das ist  schon fast zwei Wochen her, zwischen Lausanne und  Fribourg aus dem Zug geworfen. Warum, fiel mir damals plötzlich ein, sollte man sich einer so lästigen Klette  nicht entledigen können? Da außer mir gerade niemand im Abteil war, die gute Gelegenheit mir aufmunternd  zunickte, hab ich's dann also getan. Soviel mir bekannt, ist  eine solche Handlung nicht strafbar. Nur vergaß ich natürlich im Überschwang meines Entschlusses, daß Ängste überaus zäh sind. Sie überleben alles, sie überleben auch  uns. Meine Angst zum Beispiel ist, bevor sie auf mich kam,  die meiner Mutter gewesen. Und meine Mutter hat- sie vielleicht schon Von einer Tante gekriegt, das weiß ich schon  nicht mehr. Wie immer: Wir Menschen kommen und  gehen, doch ungerührt bleiben die Ängste am Leben und  wählen sich neue Träger aus. Kein Wunder, daß es einer  Angst überhaupt nichts ausmacht, aus dem fahrenden Zug  geworfen zu werden. Deshalb ist meine euphorische Handlung ein sinnloser Akt gewesen. Wie zu erwarten war, stellt  sich nunmehr heraus, daß die würzige Waldluft des Waadtlandes meine Angst erst recht gekräftigt hat. Schon also läßt sie mich grüßen. Bald wird sie wiederum da sein, ausgeruht  und erholt für ihren Erwählten, für mich. Treue, hört man  heute oft klagen, sei selten geworden. So kann nur reden,  Wer für einen Augenblick- seine Angst vergessen hat, vielleicht hat vergessen wollen. Aber niemand bleibt uns so unentwegt treu wie die Angst.        
Kurt Marti  Neapel sehen (1960)
 
Er hatte eine Bretterwand gebaut. Die Bretterwand entfernte die Fabrik aus  seinem häuslichen Blickkreis. Er hasste die Fabrik. Er hasste seine Arbeit in  der Fabrik. Er hasste die Maschine, an der er arbeitete. Er hasste das Tempo  der Maschine, das er selber beschleunigte. Er hasste die Hetze nach  Akkordprämien, durch welche er es zu einigem Wohlstand, zu Haus und  Gärtchen gebracht hatte. Er hasste seine Frau, sooft sie ihm sagte, heut Nacht  hast du wieder gezuckt. Er hasste sie, bis sie es nicht mehr erwähnte. Aber  die Hände zuckten weiter im Schlaf, zuckten im schnellen Stakkato der  Arbeit. Er hasste den Arzt, der ihm sagte „Sie müssen sich schonen, Akkord  ist nichts mehr für Sie.“ Er hasste den Meister, der ihm sagte, ich gebe dir eine  andere Arbeit, Akkord ist nichts mehr für dich. Er hasste so viele verlogene  Rücksicht, er wollte kein Greis sein, er wollte keinen kleineren Zahltag, denn  immer war das die Hinterseite von so viel Rücksicht, ein kleinerer Zahltag.  Dann wurde er krank, nach vierzig Jahren Arbeit und Hass zum ersten Mal  krank. Er lag im Bett und blickte zum Fenster hinaus. Er sah sein Gärtchen. Er  sah den Abschluss des Gärtchens, die Bretterwand. Weiter sah er nicht. Die  Fabrik sah er nicht, nur den Frühling im Gärtchen und eine Wand aus  gebeizten Brettern. „Bald kannst du wieder hinaus“, sagte die Frau, „es steht  alles in Blust.“ Er glaubte ihr nicht. „Geduld, nur Geduld“, sagte der Arzt, „das  kommt schon wieder.“ Er glaubte ihm nicht. „Es ist ein Elend“, sagte er nach  drei Wochen zu seiner Frau, „ich sehe immer das Gärtchen, sonst nichts, nur  das Gärtchen, das ist mir zu langweilig, immer dasselbe Gärtchen, nehmt  doch einmal zwei Bretter aus der verdammten Wand, damit ich was anderes  sehe.“ Die Frau erschrak. Sie lief zum Nachbarn. Der Nachbar kam und löste  zwei Bretter aus der Wand. Der Kranke sah durch die Lücke hindurch, sah  einen Teil der Fabrik. Nach einer Woche beklagte er sich, ich sehe immer das  gleiche Stück der Fabrik, das lenkt mich zu wenig ab. Der Nachbar kam und legte die Bretterwand zur Hälfte nieder. Zärtlich ruhte der Blick des Kranken  auf seiner Fabrik, verfolgte das Spiel des Rauches über dem Schlot, das Ein  und Aus der Autos im Hof, das Ein des Menschenstromes am Morgen, das Aus am Abend. Nach vierzehn Tagen befahl er, die stehengebliebene Hälfte  der Wand zu entfernen. „Ich sehe unsere Büros nie und auch die Kantine nicht“, beklagte er sich. Der Nachbar kam und tat, wie er wünschte. Als er die  Büros sah, die Kantine und so das gesamte Fabrikareal, entspannte ein Lächeln die Züge des Kranken.
                                                                          Kurt Marti: Dorfgeschichten. Sigbert Mohn, Gütersloh 1960 (Das kleine Buch 142), S. 60-62. Kurt Marti,  geb. 31. 1. 1921 in Bern, lebt ebenda.  
 
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